Rollen und Selbst
Jeder Mensch hat mehrere Rollen. Rollen sind z.B. Vater, Tochter, Mitarbeiter in dem Team …, Vorsitzender des Vereins …, Freund von …., etc.
Ein Mensch kann sich Rollen wünschen, aber gegeben bekommt er sie immer von Anderen. Er bekommt sie von außen gegeben, manchmal auch aufgedrückt. Aber ohne dass die Umwelt einem Menschen eine Rolle zuspricht, hat er diese nicht. Eine Rolle habe ich immer nur dann, wenn andere Menschen mir diese Rolle zuerkennen.
Unabhängig davon, wie ein Mensch zu einer Rolle gekommen ist:
Jede Rolle ist mit Erwartungen von außen verbunden. Diese Erwartungen beziehen sich auf
- Tätigkeiten und
- Verhalten.
Jeder Mensch hat eine individuelle Vorstellung davon, wie er eine Rolle leben möchte, d.h.
- was er tun möchte,
- wie er sich in der Rolle verhalten möchte.
Solange, wie die individuellen Vorstellen und die Erwartungen von außen übereinstimmen, wird der Mensch eine Rolle, die er hat, behalten. Entspricht seine Art eine Rolle zu leben nicht den Erwartungen, die andere Menschen an die Tätigkeiten und das Verhalten stellen, wird der Mensch diese Rolle früher oder später abgenommen bekommen.
Anders formuliert: Tue ich in meiner Erwerbsarbeit nicht das, was mein Chef und meine Kollegen von mir erwarten, werde ich sie früher oder später verlieren. Verhalte ich mich gegenüber meinem Lebenspartner nicht so, wie dieser es von mir erwartet, werde ich ihn früher oder später verlieren. Das gleiche gilt für Kinder, Mitgliedschaften in Teams oder Freunde.
Rollen sind von außen gegeben und werden auch von außen wieder genommen. Meine individuellen Vorstellungen, wie ich mich in einer Rolle verhalten möchte und was ich in dieser Rolle leisten möchte, sind für das Bekommen, Haben und Behalten einer Rolle irrelevant.
Sie sind nur unter dem einen Aspekt von Bedeutung: Je besser meine individuelle Vorstellung einer Rolle mit der Rollenerwartung der Anderen überein stimmt, umso einfacher fällt es mir, die Rolle erwartungsgerecht auszufüllen.
Wenn ich nur dann eine Rolle habe, wenn ich den Erwartungen von anderen Menschen entspreche, dann kann eine Rolle nur dann ein Teil meines Selbst sein, wenn mein Selbst mit den Erwartungen von Anderen übereinstimmt.
Das bedeutet dann, dass ich mich selbst über die Erwartungen von anderen definiere. Dass ich das bin, was andere von mir erwarten.
Aber: Ist ein Mensch in seiner individuellen Identität das, was Andere von ihm erwarten?
Ich glaube nicht.
Ein Mensch ist nicht seine Rolle oder die Kombination von Rollen, die an ihn heran getragen werden, bzw. die er hat.
Ein Mensch kann sich in seiner Rolle wohl fühlen. Er kann eine Rolle leben, den Rollenerwartungen entsprechen, für eine Rolle leben, seine Rollen lieben, etc.
Aber er selbst ist niemals seine Rolle. Ob er eine Rolle annimmt und spielt, liegt immer an ihm und wenn er eine Rolle verliert, die seinem Selbst nicht entspricht, dann ist das meistens ein freudiges Ereignis und kein Grund zu trauern.
Meistens ist es sogar klüger, Rollen die einem selbst nicht entsprechen, frühzeitig abzugeben, bevor sie einem von der Umwelt genommen werden.
